21 Februar, 2018
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Vom Musikunterricht zum Radio

Bispinger Schüler erhalten Einblicke bei ffn

Es gehört zum Wesen der Musik, dass sie flüchtig ist. Im Alltag kann man einen Lieblingstitel oft nicht aufmerksam mitverfolgen, wenn er gerade im Radio läuft und nach einem Konzert kehrt Stille ein, sobald der letzte Ton verklungen ist. Zudem wird Radio heutzutage oft nebenbei gehört. Dass aber der Umgang mit Musik im großen Ganzen viel weiter geht und dabei unzählige Gestaltungsmöglichkeiten und Hörerlebnisse bietet, ist ein Aspekt, mit dem sich Bispinger Oberschüler zunächst im Musikunterricht beschäftigten, was sie dann bei Radio ffn in Hannover vertieften. Am 12. Dezember besuchte die Klasse 10a den Sender. 

10a bei ffn

 Dem Besuch beim Radio ging das Unterrichtsthema „Von R’n B bis Black Music“ voraus. Die Schüler erlebten also im Hören eine Art Zeitreise, vor allem aber einen stilistischen Wandel von den Anfängen der Rockmusik bis zum elektronischen Dance unserer Tage. Während im Unterricht der kreative Umgang mit Musik im Mittelpunkt stand, sollten nach einer Klassenarbeit, die Theorie und Praxis verband, auch wirtschaftliche Aspekte aufgegriffen werden.

„Wir wollen bei ffn die weite Zielgruppe der 14- 49-Jährigen erreichen“, erklärte Sven Schätze, der den Schülerinnen und Schülern zu Beginn die wirtschaftlichen Bezüge sowie die Gesamtorganisation des Senders näherbrachte: „Für uns ist Werbung natürlich wichtig – schließlich können wir nicht senden, was wir wollen.“ Schätze brachte die Jugendlichen dazu, den Wechsel innerhalb der Zielgruppe nach Uhrzeiten zu reflektieren. „An Werktagen vormittags machen wir bei Information und Werbung kein Programm für Schüler, da wir damit rechnen, dass sie in der Schule sind“, rundete Schätze diesen Punkt nach ausführlichen Betrachtungen von Marktforschung und Konsumverhalten augenzwinkernd ab.

Es folgten Einblicke in die Eigendarstellung des Senders und die Gruppe lernte die Gesichter hinter den Stimmen, ebenso die Rolle der Regionalstudios kennen. Auch gewannen die Bispinger Eindrücke von der Art und Weise, in der sich die Gestaltungsmöglichkeiten des Privatradios vom Wesen der öffentlich-rechtlichen Sender unterscheiden. Danach kamen verschiedene Punkte, die immer wieder Bezüge zum Unterricht herstellten und vertieften. So war das Gestalten einer Playlist im Unterricht ein weiteres Thema. „Hier beim Radio sprechen wir eher von Programm als von einer kürzer gefassten Playlist“, sagte Moderator Timm ‚Doppel-M’ Busche und verwies auf die immensen Gestaltungsmöglichkeiten, um einzelne Titel miteinander zu verbinden. „Wir haben etwa 80 Transitions, aus denen ich als Moderator wählen kann, um von einem langsamen Titel zu einer fetzigen Dance-Nummer zu kommen, oder um Musik zu verbinden, die sich nicht nur im Tempo, sondern insgesamt im Charakter unterscheidet“, erklärte Busche und führte im Studio eine kleine Auswahl der abgespeicherten Übergänge vor. Auch technische Abläufe in den Studios und die Arbeitsteilung der Redakteure, die bei ffn zumeist auch Moderatoren seien, wurden aufgegriffen.

Danach ermöglichte der Sender den Jugendlichen eine Besonderheit, die sonst nicht zum Umfang einer Besucherführung gehört. In einem Expertengespräch stand Musikredakteur Matthias Koch den Jugendlichen Rede und Antwort über eineinhalb Stunden und ging detailliert auf einen Fragenkatalog ein, den die Schülerinnen und Schüler im Unterricht erstellt und vor ihrem Besuch eingereicht hatten. Dabei ging es einerseits um musikalische Programmgestaltung im Allgemeinen und um die Rolle von Eurodance und Dancefloor im Besonderen, werden doch bei ffn entsprechende Titel der 1990er Jahre als „Kult-Neunziger“ angekündigt. „Natürlich darf es bei uns nicht zu ‚urban’ klingen, wir sind ja kein Dancefloor-Channel oder Black-Music-Sender für ein Club-Publikum“, eröffnete Koch die Diskussion mit den Besuchern, „aber Eurodance ist wichtig, um eine Epoche für Hörerinnen und Hörer begreifbar zu machen, die Mitte der ‘90er in eurem Alter waren“, gibt der Redakteur der Klasse zu bedenken und ergänzt: „Denn nur durch diese Dance-Musik gibt es da hörbare Unterschiede, die im Gedächtnis bleiben. In der Rockmusik ist es ja dagegen eher so, dass der Sound erfolgreicher Gruppen und Solokünstler über Jahrzehnte kaum verändert wird, was dann aber auch ein Qualitätsmerkmal ist.“ Als Beispiel nannte Koch hier den zeitlosen Sound von Bon Jovi, der seit Jahrzehnten als konstantes Erfolgsrezept der Gruppe gelten darf. „In der Musik, die wir heute für das Radio planen, ist es praktischer, in Alben zu rechnen, als in zeitlichen Unterteilungen zu denken. Für erfolgreiche Namen der Eurodance-Ära haben die 1990er nämlich nie aufgehört – die Interpreten und Producer sind bis heute unterwegs und haben hochbezahlte Aufträge. Aber das zielt auf ein spezielles Publikum“, führte Koch weiter aus und verwies nochmals auf die altersmäßig weitgefasste ffn-Zielgruppe. „Am Anfang betrachteten wir die Thementage eher als einen Versuch, bis wir merkten, dass es dafür ein Publikum gibt“, ergänzte er und merkte ebenso an, dass durch die ständige Verfügbarkeit von Musik die Geschmäcker immer weiter auseinandergingen: „Der Mainstream selbst hat sich über die Jahre gewandelt – was vorher mal ‚Mitte’ war, ist jetzt vielleicht Programm für eine Randgruppe – das sind spannende Entwicklungen. Als Musikredakteur ist man ständiger Beobachter.“ Mit vielen Eindrücken in technische Programmgestaltung, in Konsumverhalten, in Zielgruppenansprache und in die Aussagekraft einer Epoche verließen die Bispinger nach drei Zeitstunden angeregt den Radiosender. Für die Oberschule Bispingen bedanken sich Claudia Rinke, Klassenleiterin der 10a und Thorsten Zimmer, Musiklehrer, für die vielfältigen Einblicke beim Radio und für das Ermöglichen des Themenschwerpunktes mit einem Experten und Musikredakteur.